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Dressierte Affen

Das Gefühl, 'verheizt' worden zu sein: Persönliche Eindrücke einer Teilnehmerin an einer "Nachmittags-Talkshow"

Es ist nicht Angst vor juristischen Folgen, die uns die Talkshow, an der Klaudia teilnahm, nicht "beim Namen" nennen lässt: Es ist eher die traurige Gewissheit, dass das hier beschriebene Vorgehen bei (beinahe?) allen dieser (Nachmittags-) Shows gleichermaßen anzutreffen ist - und dass es daher ungerecht und irreführend wäre, eine der Shows herauszugreifen und speziell zu brandmarken. - Zweifellos spricht aus manchen Passagen des Interviews eine gewissen 'Ahnungslosigkeit' oder 'Blauäugigkeit', was den Ablauf solcher Talkshows angeht. Man kann jedenfalls sensiblen potentiellen Teilnehmern an solchen Shows nur raten, sich die Show, zu der sie eingeladen sind, vorher einmal genau und kritisch anzusehen.

Interview mit "Klaudia"

 : Was waren Ihre Wahrnehmungen bezüglich des organisatorischen Ablaufs im Vorfeld der Talkshow?

KLAUDIA: Zu Beginn schien alles sehr locker zu sein, denn die Teilnehmer freuten sich natürlich, dass gerade sie zu einer Talkshow eingeladen worden waren. Es erweckte bei vielen wohl den Eindruck des Gebrauchtwerdens. Dieses Ge-brauchen wurde aber leider sehr rasch zum Miss-brauchen, aufgrund geradezu hinterhältig organisierter Abläufe!

 Es gab eine Bezugsperson, die sehr (medien-) freundlich den Erstkontakt zu den einzelnen Gästen aufnahm. Diese versuchte durch gezielte Fragestellungen herauszufinden, ob man für diese Sendung letztlich geeignet wäre oder nicht. Mit dieser Person wurden lockere Gepräche in "Du-Form" geführt, um vertrauenerweckend auf die Teilnehmer zu wirken. Dieses Vertrauen wurde dann meines Erachtens aber hinterher grob missbraucht. Ich empfand es im Nachhinein zum Beispiel als eine "List", dass die Mehrzahl der Gäste der Talkshow sich vorher nicht kennenlernen durften - dafür sorgten sogenannte Gästeräume (Anmerkung der Redaktion: Siehe unten). Die gerade beschriebene Kontaktperson berichtete mir in verschiedensten (chaotischen) Variationen über die restlichen Teilnehmer. Umgekehrt wurden die anderen Gäste durch selbige Kontaktperson über meine Person informiert. Dass diese Infos zuvor freilich durch 'Filter' liefen, erfuhr ich nur deshalb, weil ich mich mit den anderen Gästen nach der Aufzeichnung unterhalten konnte. Und mit Entsetzen stelle ich fest, dass hier offensichtlich geplant Fehlinformationen verbreitet worden waren. Zu welchem Zweck wohl ? - Auch sehr persönliche Dinge, welche man dieser 'netten' Kontaktperson im Plaudergespräch anvertraut hatte, wurden den 'Gegnern' genau geschildert, so dass diese während der Show treffsicher Themen ansprechen konnten, an denen man angreifbar schien. So konnten sie sich, sozusagen aufgrund der Demütigung eines anderen, 'Pluspunkte' beim Publikum holen, z. B. einen Lacher!

 Das Zentrum der organisatorischen Inszenierungen bildete also diese eine Person, die alle Fäden (aus dem Kasperl-Theater-Register) zog. Da Talkshows von den Pro- und Kontrameinungen der Teilnehmer leben, spielt die 'Mundakrobatik' eine wichtige Rolle. Das heißt, wie schnell oder wie nicht schnell ist der Einzelne im Beantworten der Fragestellungen. Es gibt die sogenannten "Pro-Leute", welche für die Show irgendeine (vorher genau festgelegte) Extrem-Meinung zu vertreten hatten. Mir schien, dass dies einzig dazu diente, dass diese Leute dann durch die dummen, aber verbal lautstarken "Kontra-Leute", andererseits aber auch vom Publikum und freilich letztlich durch die Modoration selbst als idiotisch, pervers oder verrückt "hingerichtet" werden konnten.

 Solche Extrem-Meinungen werden für diese Show offensichtlich vorher wie eine Rolle eingeübt. Ich lernte Gäste kennen, die mir berichteten, dass sie im Alltag dieses Ausgefallene, das sie auf der Bühne jedoch als das Ihrige "verkauften", nie ausüben würden. Mit großem Erstauen konnte ich auch bemerken, dass die Leute, welche während der Show wie Bestien übereinander hergefallen waren (verbale Überfälle sind gemeint, obwohl es auch tatsächlich einen körperlichen Übergriff eines Teilnehmers auf einen anderen gab), sich nach der Show beim Gegner entschuldigten.

 : Können Sie sich noch an andere 'Merkwürdigkeiten' bzw. 'Inszenierungen' erinnern?

KLAUDIA: Mir selbst wurde nahegelegt, heftigst gegen alle Gäste zu protestieren. Außerdem sollte ich jedem ins Wort fallen, das heißt also niemanden ausreden lassen. Und freilich wurden die anderen Teilnehmer aufgefordert, gegen mich diese "Strategie" anzuwenden. Übrigens wurde für die Einübung dieser 'Inszenierungen' von der organisierenden Kontaktperson des Fernsehteams selbst das Wort der "Gehirnwäsche" verwendet.

 : Sie sagen, das Wort 'Gehirnwäsche' sei von den Mitarbeitern an der Show selbst verwendet worden. Das klingt nach sehr straffer Regie. Waren die Zuschauer in diese Regie einbezogen?

KLAUDIA: Leider ja. Das Publikum, welches offensichtlich auch extra für die Show zusammegestellt worden war, hatte man wie Affen trainiert. Ich konnte beobachten, wie sie nach Anweisung lernen mussten, wann und wie sie etwas im Kollektiv rufen sollten. Kaum zu glauben, aber das funktionierte beim Showablauf perfekt. Mit anderen Worten ausgedrückt: Alles, was danach aussah, ein Hirn zu besitzen, wurde fremdbestimmt.

 : Was meinen Sie genauer mit "fremdbestimmt"?

KLAUDIA: Das "auserwählte Volk" zu dieser Show wurde einerseits durch Ortswechsel verunsichert, andererseits durch Optik (wie z. B. schöne Männer und schöne Frauen) über den tieferen Sinn der Aussagen getäuscht, wobei ich im Nachhinein zweifle, ob die Gäste als auch Publikum tiefere Sinne erkennen konnten. Der ganze Ablauf hängt natürlich sehr stark von der Moderation ab, und diese empfand ich, gelinde gesagt, als sensationsgeil und auf das eigene Ego, auf Selbstdarstellung konzentriert.

 : War das die einzige Form von "Fremdbestimmung"?

KLAUDIA: Je nach Thema der Show gibt es Vorschläge zur Kleidung, welche die Gäste, so macht man sie glauben, eigenverantwortlich selbst wählen könnten. Tatsächlich aber konnten wir gar nichts wirklich wählen. Ich erlebte, dass ein Gast seine mitgebrachten Kleidungsstücke nicht anziehen durfte, sondern sich in einer Weise kleiden (lassen) musste. die mir an seiner Stelle ausgesprochen peinlich gewesen wäre. Besonders schlimm empfand ich, dass nicht auf Schamgefühle der Menschen geachtet wurde. Eine Teilnehmerin war nach der Aufzeichnung total verzweifelt. Als die Anstrengung nachgelassen hatte, wurde ihr erst im Gespräch mit mir bewusst, in welche Rolle sie diese 'Medienhaie' gezwungen hatten. Sie brauchte psychologische Betreuung.

 : Konnten Sie den Ablauf der Show bis zu Ihrem eigenen Auftritt eigentlich verfolgen?

KLAUDIA: Nein. Dafür gibt es, wie eingangs erwähnt, Isolierräume, die als Gästeräume bezeichnet werden. Die Pro-Gäste wurden von den Kontra-Gästen getrennt gehalten. Ein Gast wollte, weil er schon so lange in einem Raum verbringen musste, spazieren gehen: Er wurde von den Wärtern sofort zurückgeholt. Niemand durfte weggehen. Wir wurden regelrecht 'bewacht'. Wer Glück hatte, konnte (in diesen Räumen) einige Sequenzen der Show auf einem Bildschirm mit verfolgen, aber oft gab es Bild- und Tonstörungen. In meinem Fall war ständig sprechendes Aufpasserpersonal anwesend, welches mich mit belanglosen Fragen in Gespräche zu verwickeln versuchte, offensichtlich um mich daran zu hindern, den Ablauf der Show vor meinem Auftritt verfolgen zu können. Ich wusste also, als ich auf die Bühne kam, nicht, was bisher bereits zu unserem Thema diskutiert worden war. Was ist das für eine Talk-Show, wo man nicht von Anfang an den Gesprächsverlauf mitverfolgen kann? Wie soll man sich da orten können, wenn die anderen bereis zwanzig Minuten herumgestritten haben, und man hat selbst keine Ahnung, worum es vor dem eigenen Auftritt ging? Eine anderer Gast war ohne TV-Gerät einige Stunden in Gesellschaft eines 'Wächters', isoliert! Er hatte nichts vom ganzen Ablauf mitbekommen. Demenstprechend wirkte er auch während seines Auftrittes sehr verunsichert.

 : Gab es eigentlich schriftliche vertragliche Vereinbarungen?

KLAUDIA: Ja, aber der Vertrag ist sehr einseitig und berücksichtigt praktisch nur die Rechte der Veranstalter. Viele Rechte hat der Teilnehmer ohnehin nicht. Man bekommt mit dem Vertrag übrigens eine Art 'Maulkorb' verpasst. Kluge Leute verlangen Änderungen und zusätzliche Vertragsbestandteile, doch wer juristisch keinen Durchblick hat, der wird auch hier in die Falle tappen, denn wer ahnt schon, dass diese Leute einen Vertrag vorlegen, mit dem man vollständig "über den Tisch gezogen" wird?

 : Welche Möglichkeiten gab es für Sie, während der Show, Ihre Ansichten und Meinungen zu formulieren?

KLAUDIA: Die erste Möglichkeit bietet sich beim Anmoderieren. Doch auch das ist bereits mit gefährlichen Fragestellungen verbunden, die einen in eine bösartige Ecke treiben, ohne dass man dagegensteuern könnte. Besonders schlimm empfand ich es, dass ich nicht einmal meinen allerersten Satz zuende sprechen konnte! Einer der Teilnehmer schrie mich gleich zu Beginn nieder, nannte das, was ich sagen wollte, einen 'Blödsinn', aber, wie gesagt, noch bevor ich den Satz überhaupt zuende sprechen konnte. Danach schrie dann ein Kontra-Gast durch die Menge. Die Modoration bog es mit Fragestellungen in eine offensichtlich von der Regie vorgesehene Richtung, und das 'dumme Publikum' rief, wie eingeübt, entweder "Hurra" oder "Puhh". Es war einfach nur peinlich.

 : Würden Sie so weit gehen zu sagen, dass Ihre Menschenwürde in der Show verletzt wurde?

KLAUDIA: Ich meine, die wissen gar nicht, was die Würde des Menschen ist! Gäste, die sich für ein Sache einsetz(t)en, dafür kämpf(t)en, aus ehrlicher Überzeugung heraus, wurden lächerlich gemacht. Man stampfte sie sozusagen in den Boden, dafür wurde bestens gesorgt, nämlich durch die Gäste selbst als auch durch das 'dressierte' Publikum. Außerdem werden bei der Ausstrahlung der Talk-Show auch noch irreführende Sätze eingeblendet, auf die man keinerlei Einfluss hat, die den Gehalt einer Aussage in ein völlig falsches Licht rücken können, ja, ich behaupte sogar, rücken sollen, damit die Show Show bleiben kann.

 : Wir danken Ihnen sehr für dieses Gespräch.

Dr. Peter Niehenke
8. Juli 2001


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